Vietnam   

Angelzirkus auf vietnamesisch

Unweit der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi finden alltagsgestresste Stadtmenschen in ländlicher Abgeschiedenheit ein Angelvergnügen, das dem unserer Forellenzirkusse nicht unähnlich ist.

Auch 30 Jahre nach dem Ende des Vietnamkrieges ist die Landschaft um Hanoi noch immer geprägt von den Spuren der amerikanischen Luftangriffe, denen die Stadt mehr als ein Jahrzehnt lang ausgesetzt war. Doch statt die Verwüstung der Landschaft zu beklagen, haben die von jeher geschäftstüchtigen und pfiffigen Vietnamesen eine Möglichkeit gefunden, aus dieser Veränderung Kapital zu schlagen. Die in der Zwischenzeit mit Grundwasser aufgefüllten Mulden dienen heute der Aufzucht von Katzenwelsen und werden als kommerzielle Angelteiche genutzt.

Bombentrichter als Angelteiche

Wer mit dem Auto Hanoi in Richtung Osten verlässt, findet sich bereits wenige Kilometer außerhalb der Stadt in einer ländlichen Idylle wieder, die kaum erkennen lässt, dass man sich in Nähe einer Millionenmetropole befindet. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Reisfelder, Bananenstauden, Fischteiche und kleine Dörfer prägen eine Landschaft, in der man mehr Wasserbüffel als motorisierte Fahrzeuge zu sehen bekommt. Eher zufällig entdecke ich einige Angler, die an einem von Bachläufen durchzogenen Bombentrichter fischten, der nun von Bananenstauden umgeben ausschaut, als wäre er schon immer Teil der bezaubernden Landschaft gewesen. Versteckt in der üppigen Vegetation befindet sich ein Restaurant direkt am Angelteich. Mir wird erklärt, dass ich dort mein Mittagessen selbst fangen könne. Eine Art Angelzirkus mit angeschlossenem Restaurant also. Wenn auch vom waidmännischen Standpunkt aus betrachtet nicht ganz astrein, so beschließe ich doch, meine anglerische Erfahrung um dieses Erlebnis zu bereichern.

Im Gegensatz zu unseren Forellenzirkussen geht es in den fernöstlichen Welstheatern weitaus vornehmer zu. Den Gast erwarten leinengedeckte und mit Rosensträußen verzierte Tische; Ventilatoren, direkt an der Angelstelle plaziert, sorgen für ausreichend Kühlung in tropischer Hitze, eisgekühltes Bier und ständig herumschwirrende Kellner machen das Angeln zu einem - freilich von sozialistischen Charme geprägten - Luxusvergnügen. Und zu guter Letzt werden die selbstgefangenen Fische auch noch köstlichst zubereitet und an Ort und Stelle serviert; Sonntagsanglerherz, was willst Du mehr?

Angelspaß mit einfachstem Gerät

Verglichen mit europäischen Standards ist das Leihgerät an vietnamesischen Angelteichen alles andere als modern. Dem Gast wird eine etwas 3,5 Meter lange Bambusrute mit ebensoviel Angelschnur gereicht. Als Schwimmer dient ein Stückchen Kork; der einfache Drahthaken wird mit einer Schnecke oder einem Wurm beködert. Gefischt wird von überdachten und nach allen Seiten offenen Stegen, die mit elektrischem Strom versorgt, über Ventilatoren, Licht und CD-Player verfügen.

Auf den ersten Biss brauche ich nicht lange zu warten. Kaum ist der Köder ins schlammbraune Wasser eingetaucht, verschwindet auch gleich die "Pose". Innerhalb von fünf Minuten habe ich vier Katzenwelse erbeutet, die sich in Größe und Gewicht ähneln, wie ein Ei dem anderen. Die Fische sind ca. 35cm lang und wiegen etwa 500 gr; die ideale Portionsgröße. Der Koch kann also für mich und meine drei Begleiter den Ofen gleich anwerfen.

Während wir auf unser Essen warten, angeln wir natürlich tüchtig weiter und haben bereits nach einer halben Stunde den Überblick über die Anzahl unserer Beutefische verloren. Zur großen Verwunderung unserer einheimischen Zuschauer, setzen wir jeden Fisch gleich wieder zurück. Keinem Vietnamesen käme dies wohl in den Sinn, denn in einem Land, in dem Hunde und Schlangen auf der Speisekarte ganz oben stehen, wird einfach alles gegessen und kaum einem Lebewesen bleibt das Schicksal des Kochtopfes erspart.

Wir verbringen den ganzen Nachmittag in diesem malerischen und ruhigen Welszirkus, ohne auch nur einen Fisch zu fangen, der sich von seinem Vorgänger in irgend einer Art und Weise unterschieden hätte.

Als sich die Dunkelheit allmählich herniedersenkt und die Konturen der Bananensträucher am anderen Ufer nur noch schemenhaft zu erkennen sind, lässt mich der Gedanke an den hier am Vormittage von den Kellnern gefangenen und ebenfalls dem Kochtopf zugeführten Python nicht mehr los und ich beschliesse, nun von der Sorge getrieben, selbst zur Beute zu werden, das Feld zu räumen.

Informationen

Eine Individualreise nach Vietnam ist heute kein Problem mehr. Ohne großes Ausfragen erhält man bei der vietnamesischen Botschaft  in Bonn gegen 70 € ein Visum für einen Monat. Adresse: Botschaft der SR Vietnam, Konstantinstr. 37. Schwierigkeiten werden außerhalb der Städte aber auftreten, wenn es um die Verständigung geht. Viele ältere Vietnamesen sprechen leidlich französisch, die jüngeren Menschen fast ausschließlich vietnamesisch. Mit etwas Glück findet man einen Dolmetscher, der einige Jahre in der DDR gearbeitet hat und noch Reste der deutschen Sprache beherrscht. Mit Englisch sollte man im Norden vorsichtig sein, der Krieg ist noch nicht ganz vergessen und man könnte Sie für einen Amerikaner halten; dann bleiben Ihnen alle Türen zu den sonst sehr freundlichen Vietnamesen verschlossen.

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