Kanada

Vancouver Islands Wilde Westküste
Vor der bizarr zerklüfteten Felsküste Vancouver Islands warten kampfstarke Großlachse und tischplattenformatige Heilbutts darauf, von abenteuerlustigen Anglern gefangen zu werden. An der "Wild West Coast" kommen die Fische nur in zwei Kategorien vor: groß und größer.
Morgens um fünf lüften sich die Nebel über dem blauen Wasser des Nordpazifik und geben den Blick frei auf eine atemberaubende Landschaft aus dichten Wäldern und von der Gewalt des Ozeans geformte Felsen. Vor einer halben Stunde haben wir den kleinen Hafen des Küstenstädtchens Ucelulet verlassen; wir sind nicht die Einzigen, die an diesem Augustmorgen in aller Herrgottsfrühe aus den Federn gestiegen sind, um den berühmten Tyees von British Columbia nachzustellen, jenen Königslachsen, die ab einem Gewicht von 30 Pfund diesen Namen verdienen. Etwa 45 Boote haben sich in Ufernähe versammelt und schleppen Anchovies und Wobbler, die von kiloschweren Downriggerbleien in der starken Strömung auf Tiefe gehalten werden. Toni Price, der Skipper meines Bootes, ist auf Vancouver Island aufgewachsen, in seinem über dreißigjährigen Anglerleben hat er alle Küsten der Insel befischt. Vor Jahren entschied er sich, sein Boot zwischen Ucuelet und Tofino festzumachen, denn hier beißen im Sommer die fettesten Königslachse. Und auch an diesem Tage müssen wir nicht lange auf den ersten Biß zu warten. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen einen wunderschönen Sommertag versprechen, krümmt sich eine unserer zwei Ruten bis zum Griff. Kaum habe ich Kontakt zu einem zwanzig Kilo Brocken aufgenommen, da hat Toni schon den zweiten Stock in der Hand. Die Multirollen kreischen und wir müssen beide kräftig pumpen, um die Schnüre auseinander zu halten. Toni hat seinen Fisch nach 15 Minuten zuerst am Boot und in Windeseile im Kescher. Meiner tobt noch etwa 10 Meter vom Heck entfernt und ich bin heilfroh, dass ich auf Kescherhilfe hoffen darf. Nach zwanzig Minuten liegen zwei prächtige Königslachse an Bord. Der von Toni bringt 39 Pfund auf die Waage, meiner 37. Für den ersten Angeltag, der gerade erst begonnen hat, ein wahrhaft königlicher Beginn. Unser Fanglimit ist damit bereits vor sieben Uhr erschöpft, unsere Fangaussichten noch lange nicht. Bis zur Mittagspause gehen uns noch sieben weitere Lachse an den Haken, jeder zwischen 20 und 40 Pfund, die wir alle wohlbehalten in ihr nasses Element entlassen.
Das Fanglimit von einem Großlachs pro Tag wird von kanadischen Anglern nicht als Einschränkung empfunden, sondern dient der Erhaltung der phantastischen Fischbestände, und wohl keine Küche hat Verwendung für mehr als einem Kapitalen.
Die Saison für das Lachsfischen beginnt im April und endet im September, bevor die geschlechtsreif gewordenen Salmoniden zum Laichen in die Flüsse und Bäche aufsteigen. Die besten Chancen, reiche Beute zu machen, bestehen in den Monaten Juli und August, dann haben sich große Schwärme von Königslachen vor der Küste eingefunden. Das Durchschnittsgewicht der Fische liegt bei über 20 Pfund; die dann erst vier Jahre alten Tiere sind wahre Fressmaschinen, die ihr Körpergewicht innerhalb weniger Monate zu potenzieren scheinen.

Spaß mit der Fliegenrute
Die Schleppangelei auf Großlachse steht an der Westküste an erster Stelle auf der Beliebtheitsskala der kanadischen Angler, doch hat sich in den letzten Jahren auch das Fliegenfischen auf im Meer lebende Lachse und Forellen zu einer ergiebigen Form der Fischwaid entwickelt. Für Fliegenfischer ist Tofino die ideale Anlaufstelle für Meeres-Chartertouren. Hier kann man speziell für das Flugangeln gebaute Boote mit entsprechend niedriger Bordwand mieten. Das Angeln mit der Fliegenrute vom treibenden Boot aus ist etwas gewöhnungsbedürftig, so dass es sich lohnt, zumindest am ersten Tag einen Guide anzuheuern, der die Angeltechnik perfekt beherrscht und auch die gängigen Fliegenmuster kennt. Die Ausgabe von 250 CDN für einen professionellen Führer ist keine Fehlinvestition, denn auf sich allein gestellt, verliert man schnell kostbare Angelzeit. Wenn man dann jedoch die richtige Technik heraushat, lässt der erste Biß meist nicht lange auf sich warten. In der Regel sind es Cohos, die sich die Fliegen schnappen. An der Flugrute ist der Kampf mit einem 10-15 pfündigen Silberlachs ein beeindruckendes Abenteuer und dem Fight mit einem Königslachs an der Schlepprute durchaus ebenbürtig. An meiner Hechtstreamerrute erlebte ich aufregende und unvergessliche Drills von "nur" 10 Pfund schweren Lachsen, die jedes Spinnfischen in den Schatten stellen. Das Fliegenfischen im Meer ist aber keine Angelei für Rekordsüchtige, sondern für Sportfischer, die eine echte Herausforderung suchen. Zwar werden in jeder Saison auch kapitale Königslache mit der Fliegenrute erbeutet, doch ist das Angeln mit leichtem Gerät für den Urlaubsangler die vorzuziehende Variante, weil hier der Erfolg fast garantiert ist.

50 Pfünder zum Abschied
Am letzten Angeltag scheint Petrus mir besonders hold. Am Nachmittag wollen wir es mit Pilkern vom treibenden Boot aus probieren. Wir haben es auf Heilbutt abgesehen, der zweiten großen sportfischereilichen Herausforderung vor Vancouver Island. Die Drillinge sind mit Fischfetzen bestückt und wir lassen die Köder dicht über dem Grund auf und ab tanzen. Toni hat den ersten Biß und ich hole meine Leine ein. Obgleich der wortkarge Seebär seinen Gegner am anderen Ende der Schnur nicht kommentiert, sehe ich gleich, dass wir es nicht mit einem kleinen Plattfisch zu tun haben. Toni kämpft mehr als 45 Minuten mit dem Fisch. Ehe es ihm gelingt, ihn vom Grund zu lösen und an die Oberfläche zu pumpen. Selbst am Gaff muss ich noch kräftig zupacken, um den 27 kiloschweren Räuber an Deck zu befördern. "This fellow isn’t too bad", ist die einzige Bemerkung, die dem Fänger angesichts der kapitalen Beute über die Lippen geht. Kurze Zeit später schlägt auch an meiner Angel die glückliche Stunde. Angesichts des Widerstandes merke ich sofort, dass ich es nicht mit einem Heilbutt zu tun habe. Im Nu sind 40 bis 50 Meter Schnur von der Rolle und ich habe die Gewissheit, einen der wirklich dicken Lachse am Haken zu haben. Der Drill gestaltet sich extrem schwierig, denn der Fisch hält unvermindert auf die Tangfelder in Küstennähe zu, so dass ich die Bremse der Abu Ambassadeur fast ganz zudrehen muss. Wassertropfen perlen von der 50er Berkley. Nun heißt es Sekt oder Selters: Unter dem Druck der mittelharten Rute gibt der Fisch allmählich nach und ich kann Meter um Meter zurückgewinnen. Nach einer halben Sunde ist es soweit: Ich kann meinen Gegner zum ersten Mal sehen. Mir zittern die Hände. Und nun erlebe ich auch Toni aufgeregt und nervös. Ein solcher Brocken ist auch vor Vancouver Island nicht alltäglich. Kaum ist der Fisch in Keschernähe, da gibt er noch einmal richtig Gas und zieht 20 Meter von der inzwischen wieder weicher eingestellten Rolle. Nach 50 Minuten habe ich den Fisch unter Kontrolle. Mit dem Kopf voran landet der Königslachs im Kescher. Toni wirft den Motor an und wir fahren zurück in den Hafen, hier wollen wir das genaue Gewicht unserer Beute ermitteln. Der Zeiger der Waage bleibt bei 52 Pfund stehen. Der Größte bisher in dieser Saison. Ich kann stolz sein, auch wenn ich die Saisonbestmarke um gerade einmal zwei Pfündchen überboten habe.
Ucluelet und Tofino sind als Ausgangsbasen für eine oder mehrere Ausfahrten zum Lachs- und Heilbuttfischen besonders für Angler interessant, die ihren Sommerurlaub in Kanada mit der nichtangelnden Familie verbringen. Der Orte liegen am Pacific Rim Nationalpark, dessen Besuch ohnehin zum Pflichtprogramm einer Reise durch Vancouver Island gehört. Die Hochsaison für den Fang kapitaler Königslachse fällt in die Monate der Sommerferien. Kleinere Fische sind das ganze Jahr über zu fangen. Darüber hinaus bieten die Gewässer um Ucluelet und Tofino sehr gute Möglichkeiten zum Fang großer Heilbutts und starker Seebarsche, die täglich als Beifang von den Lachsanglern erbeutet werden. Auch die Seen und Flüsse der Umgebung versprechen exzellente Fischwaid auf See- und Regenbogenforellen, denen man mit der Spinn- und Fliegenrute nachstellt.

Informationen
Flüge von Deutschland, Österreich und der Schweiz gehen im Sommer täglich von den großen Flughäfen nach Vancouver und kosten zwischen 500 und 800 €. Ucluelet und Tofino sind von Vancouver aus mit dem Auto in etwa vier Stunden zu erreichen. Am einfachsten funktioniert die Anreise mit der Fähre Vancouver-Nanaimo/Departure Bay (ca 90 Minuten), von dort weiter auf der Straße Nr. 4 Richtung Westen über Parksville nach Ucuelet. Die Fahrzeit beträgt etwa 2 1/2 bis 3 Stunden.
Bootspreise
Gefischt wird von kleinen Motoryachten aus, die mit Echolot und Radar sowie mit vorzüglichem Leihgerät ausgestattet sind. Die Charterunternehmer kümmern sich auch um die Beute (versorgen und einfrieren). Das Fischen ist jedoch nicht billig! Die Boote kosten ca. 420 CND für eine sechsstündige Ausfahrt. Touren können von Europa aus unter folgenden Adressen vorbestellt werden:
Ucluelet:
T.K. Charters, Tom & Kim Lock, P.O. Box 723 Ucluelet B.C., VoR 3 Ao, Canada, Tel. (001) 604-726-2050 (USA und Kanada 1-800-667-3346).
Islans West Fishing Resort, P.O. Box 32, Ucluelet B.C., VoR 3 Ao, Canada, Tel. (001) 250-726-7515.
Sollte unter diesen Adressen kein Boot zu haben sein, können Touren auch direkt im Hafen gebucht werden.
Tofino:
Weigh West, Marine Resort, P.O. Box 69, 634 Campbell St. Tofino B.C. VoR 2Zo, Tel. (001) 250 725-3922, e-mai: info@weightwest.com, website: http://www.weighwest.com/
Ausrüstung
Für das Schleppangeln sind die Boote bestens ausgerüstet, so dass lediglich die Fliegenruten mitgebracht werden sollten. Für das Forellenangeln in den Seen und Flüssen reichen leichte und mittelschwere Spinnruten sowie Fliegenruten der Klasse A.F.T.M. 5-6 vollkommen aus. Da die Ufer nur an wenigen Stellen zugänglich sind, ist eine Wathose wichtiger Bestandteil der Ausrüstung. Die fängigsten Fliegen kauft man am besten in den Läden vor Ort, dort gibt es auch Würmer.
Touristisches
Die Unterbringungsmöglichkeiten entsprechen dem amerikanischen Motelstan-dard. In beiden Ort gibt es zahlreiche Motels bzw. Hotels der mittleren Kategorie sowie Campingplätze. Einige Angeltage in Ucluelet oder Tofino lassen sich auch gut mit einem Familienurlaub bzw. einer Rundreise im Wohnmobil kombinieren. Die landschaftlich bezaubernde Umgebung am Rande des Pacific Rim lädt zu ausge-dehnten Wanderungen ein. Der in der Nähe befindliche Long Beach ist ein idealer Strand für Kinder. Für sportliche Aktivitäten werden ein Golfplatz und organisierte Tauch- und Kanutouren angeboten.