Geschichte Thailands   

Der Elefant als Wundertier in  Reiseberichten der Frühen Neuzeit

Nach alter  Mythologie träumte Buddhas Mutter in der Nacht vor der Geburt des Meisters, dass ihr von einem weißem Elefanten eine Lotusblüte, das Symbol der Reinheit, überbracht würde. Im Buddhismus verkörpert die Farbe weiß absolute Erkenntnis und Reinheit und symbolisiert das Licht. Für die buddhistischen Könige Burmas und Siams wurde der Besitz weißer Elefanten zu einem unerlässlichen Bestandteil, nicht nur ihrer herrschaftlichen Repräsentation, sondern auch ihrer majestätischen Legitimation, die den König eben durch den Besitz möglichst vieler weißer Elefanten als vom Erleuchteten legitimierten Herrn auswies. Aber nicht allein weiße Elefanten wurden im alten Siam hoch verehrt, auch unauffällig gefärbte Tiere genossen höchste Wertschätzung, weil sie als Arbeits- und Kriegsmaschinen unersetzbare Dienste leisteten. Je größer die Stoßzähne eines Tieres und je länger sein Rüssel, um so wertvoller war es für seinen Halter. Der Besitz der schönsten und prächtigsten Tiere war allein dem König vorbehalten, der sie jedoch nicht als Raritäten hielt, sondern zu ihnen eine freundschaftliche und familiäre Beziehung unterhielt. “They speak of an Elephant as of a man; they believe him perfectly rational, and they relate such rational things of him, that he only wants Speech.”( Simon de la Loubere: A New Historical Relation of the Kingdom of Siam, Nachdruck Bangkok 1989, S. 45)

Die Bedeutung von Elefanten für die Mythologie, Religion und Kultur der Siamesen verschloss sich den europäischen Besuchern vollkommen. Der Umstand, dass um weiße Elefanten immer wieder neue grausame Kriege geführt wurden, war für Beobachter insofern besonders erstaunlich, als sich die umkämpften Tiere von ihren Artgenossen nur durch winzige farbliche Abweichungen, meist hellgefleckte Ohren, unterschieden. Die Verehrung von weißen Elefanten, die nicht weiß waren, sowie die von Menschenhand gebändigte Urgewalt der Tiere, imponierten allen Berichterstattern und boten genügend Stoff für Phantastereien und aberwitzige Lügengeschichten, aber auch für ernsthafte empirische und wissenschaftliche Untersuchungen, die, so ließe sich spekulieren, auch ihren Beitrag zu den verhaltenen Kolonisationsbestrebungen seitens der europäischen Großmächte im 17. Jahrhundert beigetragen haben. Denn was man aus Reiseberichten über die Kampfkraft der gepanzerten Riesen entnehmen konnte, war in der Tat erschreckend. Alexandre de Chaumont weiß für das Jahr 1686 Erstaunliches über die Wehrhaftigkeit von bewaffneten Elefanten zu berichten. In seinem Ludwig XIV. gewidmetem und in dessen Auftrag verfassten Siambericht, der somit auch ein Protokoll der geleisteten Spionagetätigkeit darstellt, heißt es über dieser frühmodernen Panzer:

“Ich gienge denmach / die Elephanten zu besehen / deren eine grosse Anzahl von verwunderlicher Grösse war. Ich sahe ein Metallen Stück [Kanone] / 18. Schuh lang / zu Siam gegossen / 14. Zoll in dem Durchschnitt deß Mundes haltend / und 300. Pfund Eisen schiessend. (Chaumont, S. 86)

Solch brachialer militärischer Macht hatten westliche Armeen nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Die Kostbarkeit solcher Kampfmaschinen rechtfertigte somit auch den Einsatz ganzer Sklavenlegionen zu deren Fang. De Chaumont berichtet weiter über eine königliche Elefantenjagd:

“Den 10. sahe ich die grosse Elephanten=Jagd / folgender massen: Der König schickt eine Anzahl Weiblein [weibliche Hauselefanten] in den Wald / und als Bericht einkommen / daß sich wild Elephanten gefunden / schickte er 30= biß 40.000. Mann / die an dem Ort / da die Elephanten sich befinden / einen weiten Umbcreiß machen / stellen sich vier zu vier weis und 20. biß 25. Schuh weit von einander / und bei jedem Lager wird ein Feuer ohngefähr drey Schuh hoch über der Erden / gemacht / so dann ein ander Becirk von Kriegs=Elephanten / ungefährt 150. Schritt voneinander stehend / angeordnet / und wo die wilden leicht durchbrechen können / stehen Stück [Geschütze] gepflanzet / so man loßbrennet / weil sie deren Knall nicht vertragen können. Dieser Umbecraiß wird täglich enger eingezogen / also daß die Feur nur 5. oder 6. Schritt von einander sind / weilen diese Thier solch Gethön umb sich haben / fliehen sie selten [...] Ich habe zehen sehen fangen / und ward mir für gewiß gesagt / daß über 140. in diesem Bezirck sich befunden.” (Ebd., S. 101-103)

Auch die Frage nach der Domestizierung der frisch eingefangenen Tiere beantwortet Alexandre de Chaumont, wobei er ohne großes Erstaunen erzählt, dass selbst diese Aufgabe zu einem bedeutsamen Teil von ihren Artgenossen übernommen wurde:

“Nachdem nun der König auch umb dies Revier [Pferch] ankommen / begab sich ein Mann mit einem Stock in der Hand hinein / den wilden Elephanten anzutasten / welcher vor Stund an die Weiblein verlassen / und den Mann verfolgt / der noch nicht abliesse / das Tier mit dem Stock so lang zu kitzeln / bis die Weiblein von Platz herausgangen / der darauff alsobald geschlossen worden. Als nun der Elephant sich allein sahe / fieng er an zu wüten und toben / worüber der Mann ihn noch mehr vexierte! / flohe aber an statt gewöhnlichen Außgangs / zwischen den Pfählen durch / das Thier wollte ihm nach / wurde aber zwischen zwei Pfosten eingeschlossen in dem er nun so erhitzt / schüttete man ihm Wasser auf den Leib / ihn abzukühlen: hernach wurden andere Elephanten gebracht / die demselben mit ihren Rüsseln liebkoseten: Man band ihm die zween Hinterfüß / und öffnete die Thür / er gieng etlich Schritt / da fand er vier Kriegs=Elephanten / den einen voran / umb ihn im Zaum zu halten / zween andere zu beyden Seiten gebunden / und einen hinden / welcher denselben mit dem Kopff nachstiesse:Auf solche Manier führten sie ihn unter ein Dach / da ein grosser eingegrabener Pfosten stunde / an welchem er gebunden worden / man ließ ihm zween Elephanten zur Seiten / in zu zähmen / die anderen führete man davon. In 25 Tagen lernet er seinen Spieß=Meister so erkennen / daß er ihm in allem parirt.” (Ebd., S. 98-100)

Waren die Elefanten einmal in königlichem Besitz, so wurden sie ihrem hohen Stand entsprechend untergebracht und umsorgt:

“Out of curiosity I went to see them. There were numerous elephants, and two among them were particularly valued and pampered. They all had their silk cushions on which they slept like puppies. You can imagine that these cushions were as long as six ells and even wider. The animals were attached by a chain as thick as those of a heavy door and covered in gold. At first I thought they were in solid gold, but when I came closer I saw that in some worn parts they were plated. [...] Each elephant had six large golden basins, as thick as the front of a Spanish real; their size will surprise no one. One contained oil with with which they were anointed, a second water which they were sprinkled. For the four others, they were used for food, drink , urine, and need of nature. The elephants were so well trained that when they wished to urinate or defecate, they got up from their cushions. The mahouts [Elefantenführer] immediately understood and passed them their basins. Their residence was always perfumed and fumigated with benzoin and other fragrances. Thus they lived magnificently. I would not have believed it if I had not seen it myself.”( Johan Verberckmoes / Eddy Stols (Hg.): Aziatische Omzwervingen. Het leven van Jaques de Coutre, een Brugs diamanthandelaar, 1591-1627, Antwerpen 1988, zit. n. Dirk van der Gruysse: Siam and the West, 1500-1700, Chiang Mai 1991, S. 27.)

Die von Coutre erstmals schriftlich vorgestellten luxuriösen Wohnquartiere der siamesischen Reit- und Kriegselefanten wurden im Verlaufe des 17. Jahrhunderts zu einem Topos der Reiseliteratur. Die Beschreibungen wurden so zahlreich und ausführlich, dass sich der französische Missionar Nicolas Gervaise 1688 in seiner berühmten Schrift “The natural and political history of the Kingdom of Siam ” mit der knappen Zusammenfassung begnügt: “As the written accounts confirm these gold dishes [...] I shall add nothing to this.” (Nicolas Gervaise: The natural and political history of the Kingdom of Siam, Nachdruck Bangkok 1989, S. 45.)

Obgleich der Elefanten zu einem literarischen Gemeinplatz geworden war, konnte sich Jaques de Coutre nicht der Faszination des Tieres entziehen, und so gehören seine Aufzeichnungen über königliche Elefanten zu den außergewöhnlichsten in den Reiseberichten der Frühen Neuzeit. Er schildert nämlich als einziger westlicher Korrespondent die feierliche Bestattung eines Kriegselefanten; und zwar die Verbrennungszeremonie jenes Tieres, auf dessen Rücken König Phra Naresuan (1590-1605) 1593 die Befreiungsschlacht gegen die burmesischen Besatzer bei Nong Sarai (dem heutigen Suphanburi) gewonnen hatte und das zwei Jahre später auf folgende Art den Flammen übergeben wurde:

“The day of its death, the king was wracked by grief; he even said his father had just died. He ordered the people and all the grandees of the kingdom to come and worship the elephant. For this, they carried the corpus outside the city to the opposite bank of the river and placed it in front of a temple [...] They built above the elephant an enormous dais of blue damask, disembowelled it, took out the viscera which they treated with perfumed balsam and covered with a huge quantity of flowers and roses. They placed golden stakes inside the stomach to hold it up. Four talapoins –their priests – took up position there; they were dressed in yellow and told their beads or rosaries. Numerous candles were lit. [...] Then they built all around a vast square wooden gallery which was gilded and painted [...] The elephant already stank for more than half a league around. Then all the grandees and the mandarins came to worship at the gallery, the balustrades of which were lit with a mass of candles. Everyone worshipped the animal on their knees. These barbaric practices lasted eight days and nights in the midst of non-stop dances and an infernal din of bells, kettle drums, saucepans, and other instruments worthy of Pandora. Many men were dressed as tigers, devils, and white horses. The horses were made of paper, and there were wooden birds, painted yellow, exactly like ostriches. All the talapoins mounted one; they were as big as a horse. They were placed around numerous painted and sealed containers full of food; these barbarians said that the elephant needed to eat too in next life. When eight days had passed, the talapoins buried it beneath faggots of wood. The king arrived, went around the elephant three times, lit the pyre, and ordered that the ashes be collected in golden vases after the cremation. These urns were placed among those of his parents and ancestors. Two mahouts of the elephant then presented themselves before the king and told him that since their master, the elephant, was dead, they wished to go in their turn to the other world to serve him. The king thanked them effusively, unsheathed his sword, cut them in two and had them cremated with many honours.” (Verberckmoes, zit. n. Gruysse, S. 28-29)

Jeder Siamreisende war bemüht, seine eigenen Erlebnisse mit dem Wappentier des Gastlandes so kurios und wundersam wie eben möglich zu schildern, wobei der Topos vom Menschenverstand der grauen Riesen mehr und mehr in die Werke Eingang fand, um schließlich nicht mehr eigens thematisiert, sondern als Faktum unterstellt zu werden, dessen man sich gern zur Ausschmückung eigener Heldengeschichten bediente, wie es Claude de Forbin in seinem 1689 erschienen Werk über Siam tat:

“An elephant that they were thus leading to water at rutting time[Brunftzeit] broke loose, and ran into the midst of the river, roaring and making everybody fly out of his way. I took a horse and followed to see what became of him. I found the cornac’s[Elefantenhüter] wife running with her young child to the brink of the river, where she reproached the creature, as it were, in these terms: 'You want my husband’s leg to be cut off, do you? For you know that’s the common punishment of the cornacs when they let their elephants escape. Well then, since my husband is to die, there’s my child too, come and kill it.' When she said this, she laid the child down, and went her way. The child began to cry, upon which the elephant, seeming to be moved with pity, leaped out of the water, took the infant in his trunk, and carried it to the house, where it lay quiet.”( Smithies, Siamese Memoirs, S. 79-80.)

Und als wäre die plötzliche Sinneswandlung des brünftigen Dickhäuters nicht erstaunlich genug, berichtet Forbin zwei Abschnitte weiter von der den siamesischen Elefanten innewohnenden Kinderliebe, die sich Eltern auch zunutze machten:

“These beasts are as useful to the Siamese as if they were domestic servants, especially in the care they take of their young children: for they snatch them up on their trunks when they cry, and carry them to some place where they lull them asleep, and when the mother wants to have them, she demands them of the elephant, who goes and brings them to her.”(Ebd., S. 80.)

Selbst der Reisebericht des für seine objektive Beobachtungsgabe bekannten Engelbert Kaempfer, der sich 1690 auf dem Weg nach Japan nur vier Wochen in Siam aufgehalten hatte, kommt nicht ohne eine kurze Beschreibung der königlichen Elefanten aus. Allerdings verzichtete der aus Lemgo stammende und in holländischen Diensten für die Vereinigten Ostindischen Kompanie reisende Arzt auf spektakuläre Schilderungen und beschränkt sich vielmehr darauf, zu vermelden, dass der königliche Reitelefant Kommandos verstehe, die ihm mittels eines Schwanzriemens übermittelt würden. (Vgl. dazu den Nachdruck der ersten drei Kapitel des Japanberichtes von Engelbert Kaempfer: A Description of the Kingdom of Siam 1690 (Itineraria Asiatica, Bd. IV), Bangkok 1998, S. 46-47.)

Noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert findet sich in den Briefen des ansonsten für seine diplomatische Sachlichkeit bekannten Grafen Fritz zu Eulenburg, der in preußischen Diensten Siam bereiste, eine schier unglaubliche Schilderung der zum Topos gewordenen Kinderliebe und Duldsamkeit königlicher Staatselefanten sowie der Unbefangenheit siamesischer Kinder im Umgang mit denselben:

“Wir wendeten uns von Wat-Po nach dem Palaste des ersten Königs, von welchem wir aber nur die äußeren Höfe sehen konnten, welche die Elephanten enthalten; zuerst in einem zierlichen Hause ein sogenannter weißer Elephant, der weder weiß noch sonst irgend ausgezeichnet ist, und ein weißer Affe, beides Gegenstände großer Verehrung: dann die Ställe der gewöhnlichen Elephanten, dren wir etwa ein Dutzend sahen. Einige waren sehr groß und stark und hatten gewaltige Zähne. An einer Elephantenmutter sog ein kleiner siamesischer Knabe, sie hatte das Euter vorn zwischen den Vorderbeinen.” ( Philipp zu Eulenburg-Bertefeld (Hg.): Ost-Asien 1860-1862 in Briefen des Grafen Fritz zu Eulenburg, Berlin 1900, S. 351.)

Die Liste sonderbarer Elefantenbeschreibungen in europäischen Reiseberichten ließe sich lang fortsetzen. Keine Länderbeschreibung vom 16. bis zum 19. Jahrhundert kommt ohne den Elefanten als Kuriosität aus. Gemeinsam ist allen Darstellungen, dass die Berichterstatter die gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Bedeutung des Tieres nicht erkannten und so ist zu argwöhnen, dass auch Bernhard Kellermann der alten Tradition des Siamreiseberichtes folgte, als er 1927 unter der Kapitelüberschrift “Im Reich des weißen Elefanten” über eben jenes Tier berichtet:

“In den letzten Jahren konnte der alte, abgesetzte Staatselefant zuweilen recht ungemütlich werden. Wenn er aus dem Bad zurückkam, und es gefiel ihm etwas nicht, so nahm er zum Beispiel eine Rikscha mitsamt dem Kuli und warf sie gegen die Wand, daß es nur so krachte. Offenbar war er mit etwas unzufrieden. Man verlieh ihm schließlich den Titel Phya, was etwa Hochgeborener oder Baron bedeutet, und von diesem Zeitpunkt an betrug er sich würdevoller.” (Bernhard Kellermann: Meine Reisen in Iran, Klein-Tibet, Indien, Siam, Japan, Frankfurt a. M. 1940,. S. 261.)

Den  ganzen Text inklusive aller Fußnoten finden Sie in dem  Buch Anfechtungen der Vernunft. Wunder und Wunderglauben in der Neuzeit aus dem Klartext-Verlag Essen.

Seitenanfang